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am 1. September 2016

„Schuld ist immer die Mutter – Daran hat sich nichts geändert!“

Die Grünen Frauen OÖ - Ein Gespräch feministischer Frauen zweier Generationen über Mutter sein damals und heute.


Doris Eisenriegler und Sabine Traxler sind im Jahr 1964 und 2016 Mütter geworden. Was hat sich in einem halben Jahrhundert verändert? – Ein Gespräch feministischer Frauen zweier Generationen über Mutter sein damals und heute.

FrauenArgumente: Was denkt ihr hat sich am Mutter sein von damals zu heute geändert?

Doris: Das fängt schon bei der Geburt im Spital an. Damals gab es kein „Rooming-In“. Nach der Geburt haben sie dir das Kind kurz gezeigt, dann ist es für 24 Stunden ins Kinderzimmer gewandert. Man durfte das Baby aus hygienischen Gründen auch nicht unter die Bettdecke nehmen.

Sabine: Männer durften bei der Geburt auch nicht anwesend sein, oder?

Doris: Das war nicht erlaubt. Auch Stillen war damals nicht selbstverständlich – Fläschchen geben war in Mode!

FrauenArgumente: Sabine, bist du froh, dass es jetzt anders ist?

Sabine: Die Situation im Krankenhaus ist heute um vieles besser- da bin ich froh im Jahr 2016 Mutter geworden zu sein. Aber es gibt heute sehr viele zusätzliche Untersuchungen während der Schwangerschaft. Man ist in einem ständigen Untersuchungszirkel.

Doris: Das war bei uns auch anders. Der Frauenarzt hatte damals nur ein Hörrohr - Ultraschall gab es noch gar nicht.

Sabine: Einerseits ist man froh, dass man weiß ob mit dem Baby alles in Ordnung ist. Andererseits, wenn ein Wert nicht der Norm entspricht, wird der Segen der Medizin schnell zum Fluch. Als werdende Mutter macht man sich schnell irrsinnige Sorgen.

Doris: Das ist ein richtiger Gesundheitsterror. Ähnlich ist es beim Impfen.

FrauenArgumente: Die zweite Welle der Frauenbewegung in den 1968er Jahren und die Familienrechtsreform in den 70er Jahren hat rechtlich einiges bezüglich Gleichberechtigung von Mann und Frau verändert. Wie war das damals für dich, Doris?

Doris: Alleinerziehende Mütter bekamen damals kein Sorgerecht – das hatte in jedem Fall der Vater. Als ich mit 18 heiratete, war die Vormundschaft der Eltern noch bis 21 Jahre festgelegt. Mein Vater war also für mich Vormund in finanziellen Dingen und mein Mann in familiären, obwohl das Kind bei mir lebte. Die Fürsorge kam damals automatisch regelmäßig nachsehen.

Sabine: Wie war das damals, wenn man sich scheiden ließ?

Doris: Man konnte sich scheiden lassen – das ging, denn das Kind war quasi legitimiert. „Unten durch“ war man gesellschaftlich, wenn man ein lediges Kind hatte.

Sabine: Ich finde Mutter sein hat trotz aller rechtlichen Verbesserungen nach wie vor mehr Nachteile für die Frau als für den Mann. Frau kann feministisch sein wie sie will - im Endeffekt kümmert sie sich um Haushalt, Kinderbetreuung und zusätzlich muss sie sich das mit der eigenen Erwerbsarbeit und Karriere auch noch überlegen.

Doris: Es hat sich im Prinzip an der Rollenverteilung nichts geändert. Der Mann hat die durchgängige Erwerbsbiografie, Frauen bleiben eine Weile zu Hause und arbeiten dann in Teilzeit. Was sich schon geändert hat: Blieben Frauen damals bei den Kindern zu Hause, waren sie in der Pension besser abgesichert, denn der Mann musste die Frau erhalten. Das ist jetzt weggefallen und somit die Belastung für Frauen gestiegen. Man erwartet von Frauen, dass sie arbeiten gehen und Karriere machen – in der Zeit wo das möglich ist, müssen sie aber auch Kinder bekommen. Dieses Problem ist ungelöst.

Sabine: Das kann ich bestätigen.

Doris: Der Druck für Frauen ist mehr geworden – auch wenn das Kinderbetreuungsangebot viel größer und besser geworden ist als damals. Es gibt heute Krippen - früher war man drei Jahre lang fix zu Hause.

Sabine: Aber auch wenn man das Kind in die Krippe gibt, hat man immer ein schlechtes Gewissen, das man sich teils selbst macht, oder das einem das Umfeld einbläut.

Doris: Mit dem schlechten Gewissen muss man als Frau leben. Schuld ist immer die Mutter, egal was das Kind tut – daran hat sich nichts geändert!

Frauenargumente: Welchen Beitrag leisten die Väter heute an der Kindererziehung im Vergleich zu damals?

Sabine: Mein Mann füttert, wickelt und badet unseren Sohn natürlich wenn er da ist. Nur leider ist er nicht sonderlich viel zu Hause. Haben die Männer früher gewickelt?

Doris: Eigentlich nicht – aber die 68er Bewegung, die sich gegen das alte autoritäre Establishment stellte, hat bewirkt, dass Männer die eigene Rolle reflektierten, dann sind auch die weiblichen Seiten der Männer zum Tragen gekommen.

FrauenArgumente: Verbesserung gibt es auch durch das neue Väter- und Elternkarenzgesetz, oder?

Sabine: Das stimmt. Aber wenn man derart sozialisiert ist, dass Erwerbsarbeit mehr zählt als Pflege- und Beziehungsarbeit, ist das sehr schwer abzulegen!

Doris: Solange die Arbeit nicht bezahlt ist, ist sie unsichtbar und „nichts wert“.

Sabine: Es hätte sich rechtlich viel getan im letzten halben Jahrhundert, trotzdem hat man es als Mutter nach wie vor nicht leicht!

Doris: Zum Kinder-Kriegen und -Aufziehen braucht man Zeit. Mit einer Regel-Arbeitszeit von 30 Stunden und einer guten Kinderbetreuung könnte man das organisieren. Solange aber die einen viel und die anderen gar keine Arbeit haben, wird sich daran nichts ändern.


Zu den Gesprächspartnerinnen:
​Doris Eisenriegler
: Hat 1964 das erste ihrer drei Kinder mit 18 Jahren bekommen.
​Sabine Traxler
: Mutter von Lorenz. Er ist 2016 geboren – sie ist zum Zeitpunkt des Interviews in Babykarenz. Eine Väterkarenz ist geplant.
​Renate Dobler
: Mitarbeiterin der Grünen Frauen OÖ, führte das Gespräch für FrauenArgumente.

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