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am 15. September 2015

Wie wäre es mit "Fürchtet euch nicht!

Die Grünen Frauen OÖ - Als ich vor circa eineinhalb Jahren die telefonische Nachricht bekam, dass wir in Reichenau ein Flüchtlingshaus bekommen, saß ich gerade auf der Terrasse meines Lieblingslokals in Istrien.

Die anderen Gäste rätseln wohl noch heute, warum ich damals einen Freudentanz aufs Parkett legte. Ich war einfach froh, endlich etwas tun zu können. Und so wurde ich Mitinitiatorin des sofort gegründeten „HelfeInnenkreises“, der sich seit dem ersten Tag um die Bedürfnisse unserer BewohnerInnen kümmert. Das ist absolut nichts Besonderes. Meines Wissens nach gibt es kaum eine Flüchtlingsunterkunft, um die sich nicht ein HelferInnenkreis gegründet hat. Weil es in unserem Land eine ganz starke Kraft von Menschen gibt, die einfach tut, was getan werden muss.

Für all jene Gemeinden, die in den nächsten Wochen oder Monaten Flüchtlingsgäste bekommen, habe ich folgende Tipps:

  1. FÜRCHTET EUCH NICHT: Der erste Kontakt bedeutet das Überwinden einer Hemmschwelle. Von beiden Seiten. Sobald ihr das erste „Welcome“ ausgesprochen habt, geht es beiden Seiten gleich viel besser.

  2. ORGANISIERT EUCH: Vor allem ein/e Koordinator/in für Kleiderspenden ist wichtig. Ebenso jemand, der die Geldspenden verwaltet und gemeinsam festgelegte Regeln, wofür das Geld verwendet werden soll.

  3. VERNETZT EUCH: In der Nachbargemeinde machen andere Menschen die gleiche Arbeit. Tauscht euch aus.

  4. ACHTET AUF EINE GUTE ZUSAMMENARBEIT ZWISCHEN EUCH FREIWILLIGEN UND DEN HAUPTAMTLICHEN BETREUERN: Mit ihnen geht sehr viel mehr.

  5. SEID DA: Laßt die Menschen, die unglaubliche Strapazen hinter sich haben, um aus der Hölle zu uns zu fliehen, nicht allein. Hört ihnen zu. Findet einen Weg, zu kommunizieren. Manchmal geht es am Anfang nur mit Händen und Füßen. Aber es geht.

  6. DEUTSCH LERNEN: Der Staat fordert von den Flüchtlingen, dass sie Deutsch lernen, er gibt aber nur sehr eingeschränkt die Möglichkeit. Motiviert alle pensionierten LehrerInnen, die ihr kennt, besorgt euch Unterlagen.Unsere Flüchtlinge sind gierig danach, deutsch zu lernen. Helft den Kindern bei den Hausaufgaben.

  7. SEID BOTSCHAFTERINNEN: Auch in eurem Ort gibt es viele Menschen, die mit großen Vorbehalten auf Flüchtlinge reagieren. Der einfachste Weg sie umzustimmen ist, sie mit den neuen OrtsbewohnerInnen bekannt zu machen. Wer einen konkreten Menschen kennengelernt hat, hetzt nicht mehr so leicht gegen „die Flut, die uns überrollt“. Erzählt den ZweiflerInnen von Einzelschicksalen.

  8. VERZWEIFELT NICHT AN DER POLITIK: Wir HelferInnen kommen alle einmal an den Punkt, daran zu verzweifeln, dass unsere Regierung das Ausmaß des Ansturms nicht kommen sehen wollte und keine Vorkehrungen getroffen hat. Und dass sie sich jetzt von populistischer Hetze vor sich her treiben lässt. Verzweifelt nicht. Macht weiter.Denn es sind Menschen, die da kommen. Jeder einzelne. Ein Mensch. Und noch ein Mensch. Lauter Menschen. Sie brauchen uns. Wir müssen endlich begreifen, dass da draußen ein Weltkrieg tobt. Im Gegensatz zu den letzten beiden findet er nicht in Europa statt. Wir müssen uns diesmal „nur“ mit den Flüchtlingen herumschlagen. Es wäre schön, wenn wir alle dankbar wären dafür, dass wir uns nur mit dem Leid anderer beschäftigen müssen. Denn es ist eine Gnade, dass wir zu dieser Zeit an diesem Ort leben.

Text: Corry Seher
Sie ist seit Juli 2014 im Flüchtlingshaus Reichenau im Mühlkreis als ehrenamtliche Helferin tätig. Das Flüchtlingshaus bietet Platz für 16 bis 18 Flüchtlinge.

​​Dieser Artikel erschien in den FrauenArgumenten September Ausgabe 06/2015.

SERVICE: Radiohinweis zum Thema:

planetarium #45: Wir können doch nicht alle nehmen!
​ ​Journalistin und Kriegsberichterstatterin Livia Klingl über die Asylsituation in Österreich, Fluchtursachen und Möglichkeiten der Hilfe für Flüchtlinge

http://cba.fro.at/294794

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